Philosophischer Salon mit Micha Hilgers

»Der Mensch ist, wofür er sich schämt.

 Die vielen Gesichter eines Gefühls.«   

 

Scham ist zwar immer peinlich – also schmerzhaft -, deshalb aber keineswegs per se pathologisch. Ohne Scham funktioniert kein Zusammenleben in einer Gesellschaft, keine Partnerschaft und – nota bene – auch keine Psychotherapie. Maßvolle Schamgefühle fördern die Modifikation der Konzepte vom Selbst, den anderen und der Umwelt. Erst überwältigende und das Selbst überschwemmende Scham ist traumatisierend und verhindert (Selbst-)Erkenntnis. Demgegenüber ist Schamlosigkeit verantwortlich für Distanzlosigkeit, Übergriffe und nicht-falsifizierbare naive Theorien: Die Möglichkeit zur Falsifikation setzt Schamtoleranz voraus. Die Fähigkeit zum Erleben des relationalen Schamaffekts ist angeboren: Scham begleitet uns vom ersten Lebensjahr an bis hin zu Hinfälligkeit, Demenz und Tod. Doch immer fordert sie uns auch zu neuen Anstrengungen, zur Überwindung existentieller Minderwertigkeit und gegebener Endlichkeit voraus, wie sie auch zu ihrer Akzeptanz zwingt. Eine so genannte schamlose Gesellschaft existiert nicht – wohl aber Individuen, die nicht über die so genannten moralischen Affekte verfügen, von denen ein wichtiger – neben Schuld und Sorge – Scham ist. 
Wir schämen uns für etwas (Subjektpol) und vor etwas/jemandem (Objektpol). Immer aber schämen wir uns auch interaktionell – auf der inneren Bühne des Selbsterlebens und jener äußerer Interaktionen gegenüber realen Anderen. Die potentielle Emanzipation liegt in der Möglichkeit, immerhin Regisseur der inneren Bühnenakte zu werden – als Voraussetzung für äußere Emanzipation und Empörung.
Zum Referent: Dipl. Psych. Micha Hilgers studierte Psychologie, Niederlandistik und Politische Wissenschaft in Amsterdam und Marburg. Ausbildung zum Psychoanalytiker. Arbeitet als Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Supervisor psychiatrisch-psychotherapeutischer Einrichtungen. Daneben Tätigkeit als Publizist, zahlreiche Veröffentlichungen in überregionalen Tageszeitungen, Fachzeitschriften, Buchbeiträge und eigene Bücher. Hauptwerk: “Scham. Gesichter eines Affekts”, 3. Aufl. 2006. Weitere Titel: “Mensch Ödipus. Konflikte in Familie und Gesellschaft” (2007), “Leidenschaft, Lust und Liebe. Ausflüge zu Minne und Missklang” (2001), “Das Ungeheure in der Kultur. Psychoanalytische Aufschlüsse zum Alltagsleben” (1999), “Ozonloch und Saumagen. Motivationsfragen der Umweltpolitik” (1997), “Total abgefahren. Psychoanalyse des Autofahrens (1992). Regelmäßige Beiträge für die Frankfurter Rundschau. www.michahilgers.de